Der erste Atemzug

Ein Gespräch mit Isabel Böttrich über den ersten Schrei und Gänsehautmomente.

Für Isabel Böttrich ist es jedes Mal ein Gänsehautmoment: Der erste Schrei eines Neugeborenen. Böttrich ist leitende Hebamme an der München Klinik Schwabing und erlebt diese faszinierenden Momente sehr oft. In Schwabing kommen ca. 2.500 Babys zur Welt.

Frau Böttrich, wie viele Babys haben Sie auf die Welt gebracht?
Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen in den elf Jahren, die ich mittlerweile als Hebamme arbeite. Aber ich habe viele Geburten betreut. Durch meine neue Funktion als leitende Hebamme ist das jetzt ein bisschen weniger geworden, aber ich vermisse natürlich die Geburten. Für eine Hebamme ist und bleibt der Moment, wenn ein Kind auf die Welt kommt, etwas ganz Besonderes.

Stimmt es, dass man Babys hört, bevor man sie sieht?
Das kann höchstens für die Mutter gelten. Den ersten Atemzug machen Babys ja erst, wenn sie sich voll entfalten können und der Brustkorb nicht mehr im Geburtskanal steckt. Ein wichtiger Impuls für die Atmung ist das Dreieck zwischen Mund und Nase. Wenn dieser Bereich noch mit Fruchtwasser bedeckt ist, dann atmen die Babys nicht. Deshalb funktionieren auch Wassergeburten. Wenn der Kopf aber schon draußen ist, kann es sein, dass die Babys leise Geräusche von sich geben. Aber der berühmte erste Schrei kommt – wenn überhaupt – erst, wenn das Baby komplett geboren ist.

Ist dieser Urschrei ein Befreiungsschrei oder vielleicht sogar Ausdruck von Abschiedsschmerz?
Es kann beides sein, das ist Interpretationssache. Auf jeden Fall hört man schon am ersten Schrei, wie unterschiedlich die kleinen Wesen sind. Manche kommen raus und brüllen die ganze Welt zusammen. Ich hatte mal ein Kind, dem hat man die Verzweiflung so richtig angesehen, jetzt auf der Welt zu sein. Das werde ich nie vergessen. Es gibt auch Kinder, die gar nicht schreien. Die liegen ruhig auf der Brust der Mutter und schauen sich erst einmal alles an.

Trotzdem warten doch alle auf den ersten Schrei.
In der Regel dauert es ungefähr eine Minute, bis der erste Atemzug kommt. Diese kurze Zeitspanne ist für Eltern und auch für manche Geburtshelfer nur schwer auszuhalten. Manche Kollegen rubbeln, machen und tun, ich bin da mittlerweile entspannter. Nach einer komplikationslosen Geburt gibt es normalerweise keinen Grund zur Besorgnis. Ich fühle den Puls an der Nabelschnur und schaue mir das Kind genau an. Wenn sich die Lungenbläschen entfalten und Luft durch die Lungen strömt, geht die Hautfarbe von Blau in einen rosigen Hautton über.

Was genau passiert während dieser Minute in dem kleinen Körper?
Im Uterus ist die Lunge auf Stand-by und wird nur durchblutet. Der Blutkreislauf funktioniert im Mutterleib noch ganz anders. Die Vena umbilicalis transportiert sauerstoffreiches Blut aus der Plazenta zum ungeborenen Kind, über zwei Arterien wird sauerstoffarmes Blut wieder zurück zum Mutterkuchen geleitet. Außerdem nimmt bei einem ungeborenen Kind das Blut eine Abkürzung durch eine Verbindung zwischen den zwei Herzkammern, die sich nach der Geburt relativ schnell schließt. Wenn das Kind nach der Geburt zum ersten Mal atmet, kommt Sauerstoff in die Lungen, die Lungenbläschen entfalten sich und der Lungenwiderstand sinkt. Durch die Druckveränderung und die Abnabelung setzt sich der normale Kreislauf in Gang.

Der Blutkreislauf wechselt also binnen kurzer Zeit die Richtung?
Ja, eine echte Herausforderung und ein Wunder. Für mich ist diese eine Minute der tollste Moment der Geburt. Der Moment, in dem ein neues Leben losgeht. Ich kriege sogar Gänsehaut, wenn ich nur davon erzähle.

Was passiert, wenn der erste Atemzug länger als eine Minute auf sich warten lässt?
Wenn es Probleme gibt, merken wir das oft schon daran, dass die Kinder schlaff auf die Welt kommen. In den allermeisten Fällen sind wir darauf vorbereitet, weil die Herztöne das schon deutlich machen. Wir bieten hier in der Klinik die Maximalversorgung. Oft holen wir vorsorglich den Kinderarzt dazu. Manchmal wartet man die Minute gar nicht mehr ab, dann wird das Kind sofort abgenabelt und gegebenenfalls mit Sauerstoffgabe erstversorgt. Dafür sind wir ausgebildet und das üben wir auch regelmäßig.

„„Schon am ersten Schrei hört man, wie unterschiedlich die kleinen Wesen sind.““
Isabel Böttrich, leitende Hebamme an der München Klinik in Schwabing

Wie ist das, wenn ein Baby per Kaiserschnitt auf die Welt kommt?
Man muss diese Babys manchmal etwas mehr stimulieren als Kinder, die vaginal auf die Welt kommen. Wegen der fehlenden Enge des Geburtskanals wird in einigen Fällen das Fruchtwasser nicht aus dem Brustkorb gedrückt. Man hört das dann an einer brodelnden Atmung. Deshalb müssen Kaiserschnitt- Kinder manchmal abgesaugt werden.

Früher hat man den Kindern einen Klaps auf den Po gegeben, um die Atmung in Gang zu bringen. Warum ist man davon abgekommen?
Wir wissen heute, dass dieser Schuss auch nach hinten losgehen und die Babys in Schockstarre versetzen kann. Mittlerweile legt man das Kind auf die Brust der Mutter, damit es die Wärme und den Herzschlag spüren kann. Das ist viel effektiver.

Viele sagen, die Geburt ist eine Grenzerfahrung. Wie sehen Sie das?
Ich sehe das auch so, aber nicht nur für die Mutter, sondern auch für das Kind. Ich glaube, dass eine gute Geburt bestimmend ist für das weitere Leben. Deshalb versuchen wir alles, damit die Babys sanft geboren werden, sanft ankommen und möglichst ohne Fremdeinwirkung ins Leben starten können. Der unmittelbare Körperkontakt mit der Mutter ist für eine gute und gesunde Entwicklung sehr wichtig. Und die beginnt schon mit dem ersten Atemzug.

Größte Geburtsklinik in München

Die München Klinik ist Spitzenreiter im deutschlandweiten Vergleich der Geburtskliniken und liegt sogar vor der Berliner Charité.

Isabel Böttrich ist leitende Hebamme an der München Klinik in Schwabing, an der jährlich ca. 2.500 Kinder auf die Welt kommen. Schwabing ist damit auch innerhalb der München Klinik die größte Geburtsklinik.

Schwangere profitieren - wie in Harlaching auch - von der direkten Anbindung zur Frühchenversorgung und Kinderintensivmedizin der höchsten Versorgungsstufe.

Unsere Geschichten für Sie: Viel Freude beim Lesen!