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Füßchen wie ein Fingernagel

310 Gramm wog Sila, als sie auf die Welt kam. Rund vier Monate später sind es 2.120 Gramm. Über die Möglichkeiten modernster Frühgeborenenmedizin und eine Familie, die an das Wunder glaubte.

Am 13. September 2023 kommt Sila auf die Welt. Kein Schrei ist zu hören. Kein auf die Brust legen möglich. Sila ist das kleinste Kind, das bei uns - und vermutlich in ganz München - jemals neonatologisch versorgt wurde. Sie ist noch nicht bereit für diese Welt. Doch sie muss. In der 26. Schwangerschaftswoche. Ein rund 30-köpfiges Team aus Geburtshilfe, Anästhesie, OP-Pflege und natürlich Neonatologie erwartet Mutter Jessica, 34, und Vater Selim, 36, im Kreißsaal der München Klinik Harlaching für den minutiös geplanten Kaiserschnitt. Dreieinhalb Monate bleibt Sila auf der Kinderintensivstation (KINT). Am 4. Januar ist sie endlich zuhause mit ihrer Familie vereint.

Das Kind im Orbit

Vater Selim mit Sila

Energisch schreit Sila auf den starken Armen ihres Vaters Selim. Ihr Bruder Baran spielt unbeeindruckt. „Sie hat einfach Hunger”, sagt Mama Jessica mit einem Lächeln. Vor zwei Wochen erst wurden sie nach knapp vier Monaten aus der Klinik entlassen. Ein langer Kampf liegt hinter der ganzen Familie, die man ihr auf den ersten Blick kaum ansieht.

20 Wochen lang verläuft die Schwangerschaft problemlos. Doch beim großen Ultraschall wird festgestellt, dass etwas nicht stimmt. Dem Kind geht es nicht gut. Auch eine zweite Untersuchung bestätigte den Befund: Jessica wird in die München Klinik Harlaching verwiesen. Der Klinik, in der bereits ihr heute sechsjähriger Sohn Baran komplikationslos zur Welt kam. Weitere Untersuchungen zeigen, dass es Durchblutungsprobleme gibt. Das Kind hat kaum mehr Fruchtwasser, in dem es sich bewegen und entwickeln kann. Die Prognose ist nicht gut. „Es kann sein, dass es ein Engel wird”, erklärt Jessica ihrem Sohn, dem großen Bruder.

Ganz wichtig sind in dieser Phase die Gespräche mit den Eltern. Man muss sich kennenlernen und genau alle Gedanken ausloten, auch ethische. „Wir hatten nicht viel Hoffnung”, sagt Jessica. Die Eltern und das Team aus Gynäkologie, Kindermedizin und Neonatologie entscheiden sich trotzdem, dem Kind noch Zeit zu geben. Sie hoffen, dass es wächst. Die Familie geht nach Hause und „das Kind ist im Orbit”, wie Prof. Scholz, Chefarzt der Frauenklinik, sagt.

Währenddessen stehen die Spezialisten des Pränatalzentrums gleichzeitig vor drei Herausforderungen: das Wachstum optimieren, die Grenze der Lebensfähigkeit überschreiten und den richtigen Moment für die Geburt treffen. Es beginnt ein intensives „Ausloten der Zeit des Kindes im Bauch". Immer wieder stellt das Team die Frage in Richtung Kind: „Wo geht es dir besser - im Bauch oder draußen?”

Man kann nicht sagen: Das geht nicht! Denn uns beweisen Kinder immer wieder das Gegenteil.

Sila, die Mächtige

Als die 24. Schwangerschaftswoche als Grenze der Lebensfähigkeit geschafft ist, wird auch die Hoffnung größer. Doch „jeder weitere Tag im Bauch erhöht das Überleben des Kindes um 2 Prozent”, weiß Prof. Dr. Marcus Krüger, Chefarzt der Neonatologie. Es kommt gar nicht so auf das Gewicht des Kindes an, betont er. Die Reife ist entscheidend. Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen Lara Hilger ergänzt: „Man kann nicht sagen: Das geht nicht! Denn uns beweisen Kinder immer wieder das Gegenteil."

Zurück im Kreißsaal. Jede und jeder im großen Team weiß genau, was zu tun ist. Die Vorbereitung begann Wochen vorher. Alle Augen sind auf das Herz-Kreislauf-System des Kindes gerichtet. Mit der Geburt geschieht eine Kreislaufumstellung. „Es ist, als würden man von Rechts- auf Linksverkehr umstellen - ohne einen einzigen Unfall.”, verbildlicht Prof. Dr. Scholz.

Der Kaiserschnitt verläuft ganz behutsam, ohne Hektik, ohne Lärm. Sila wird mit der Fruchtblase aus dem Bauch ihrer Mutter geholt. „So wird das so empfindliche Kind im Geburtsprozess geschont”, betont Prof. Dr. Krüger. Jede Berührung kann einen blauen Fleck geben. Erst als sie in ihrer Fruchtblase gut gelagert ist, wird diese geöffnet. Zeitgleich wird die Nabelschnur durchtrennt.

Sila ist nur 25 Zentimeter groß und 310 Gramm leicht - 70 Gramm weniger als geschätzt. Ihre Haut ist transparent. Sie besitzt noch keine Brustwarzen. Sila braucht den kleinsten Beatmungsschlauch, den es gibt. Und der ist noch zu groß. Doch sie ist in der 26. Woche. Die erlangte Reife ist ihre Macht. Sila heißt “Die Mächtige”, ein treffender Name, der die Kraft der Familie widerspiegelt.

Jeder weitere Tag im Bauch erhöht das Überleben des Kindes um 2 Prozent. Alles es in der 26. Schwangerschaftswoche soweit ist, wird Sila mit der Fruchtblase aus dem Bauch ihrer Mutter geholt.

Silas Pflegekraft & Chefärzte.

Anschaulicher Vergleich: Frühgeborenen- vs. Neugeborenen-Ausstattung.

Klein, aber stark ist Sila.

„Mein Kind wird überleben!”

Nur zwei Stunden nach der Geburt steht Mutter Jessica bei ihrem Kind. „Ein kleines Nichts mit 100 Kabeln”, erinnern sich die Eltern. Nur wenige Tage später streichelt Jessica bereits Sila sanft über den Kopf. „Ein unbeschreibliches Gefühl”, erklärt Jessica mit Tränen in den Augen. „Man muss das richtige Mass finden”, fügt Prof. Dr. Krüger hinzu, „zwischen Sterilität und Berührung, die überlebenswichtig für das Kind ist.”

Lara Hilger versorgte Sila auf der Kinderintensivstation (KINT).

Dreieinhalb Monate bleibt Sila auf der Kinderintensivstation (KINT) und wird rund um die Uhr vom pflegerischen und ärztlichen Team intensiv betreut. „Ich kenne jede und jeden hier beim Namen. Das Team hat für uns alles möglich gemacht”, betont Mutter Jessica. Eine der Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen ist Lara Hilger. Sie kennt die Sorgen und Ängste der Eltern, ist die Erste, die Sila badet und ihr die Flasche gibt. „Gerade zu Beginn haben wir einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 1”, betont Hilger. Für viele pflegerische Tätigkeiten sind zwei Pflegekräfte notwendig.

In den ersten drei Tage nach der Geburt geht es vor allem darum, das Kind zu stabilisieren. „Die erste Zeit verlief ohne jede Komplikation”, erinnert sich Prof. Dr. Krüger. Die Ernährung und Beatmung liefen gut. Von den typischen Frühchen-Komplikationen hat Sila nur mit dem Kindspech zu kämpfen. Sie benötigt vorübergehend einen künstlichen Darmausgang. Die OP führt unser Kinderchirurg Dr. Krohn aus Schwabing durch, da ist Sila erst acht Tage alt. In dieser Phase kommt die Chirurgie zum Kind, nicht umgekehrt. Kein Problem innerhalb der München Klinik.

Zur OP-Vorbereitung kommen Mutter und Kind nochmals eng zusammen. Die kleine Kämpferin wird für 10 Minuten auf ihre Mutter gelegt. Vier Pflegekräfte der Neonatologie sind dafür notwendig. So viele Handgriffe, Kabel, Details sind zu beachten. Doch es ist wichtig. Bonding ist ein Mortalitätsfaktor. Die Bindung ist immens wichtig.

Ein neues Leben

150 km fährt Mutter Jessica jeden Tag zwischen Klinik und ihrem Zuhause bei München hin und zurück, um den Spagat zwischen ihren beiden Kindern zu schaffen. 20 Kilo nimmt sie in der Zeit ab. „Nach der Geburt war mir klar, dass alles gut wird”, sagt sie und erklärt damit ihren Antrieb, „aber ich wollte auch für meinen Sohn da sein. Er braucht mich doch auch.”

Seit Anfang des Jahres ist die Familie zuhause vereint. Der Kontakt zur Klinik bleibt. „Ich kann jederzeit anrufen und werde direkt durchgestellt”, sagt Jessica. Das gibt Sicherheit. „Wir bleiben eng angedockt am Kind bis die Kinderärztin, der Kinderarzt übernehmen kann. Dafür steht auch eine Videosprechstunde zur Verfügung.”, ergänzt Prof. Dr. Krüger. Hochrisiko-Frühgeborene wie Sila werden zur Sicherheit noch bis zu 2 Jahren in der Neonatologie nachbetreut. Das ist für beide Seiten wichtig, denn auch für das Team ist es gut zu sehen, wie sich alles entwickelt.

Endlich wieder Normalität, das wünschen sich alle. Gleichzeitig weiß Jessica: „Ich habe mich verändert.” Früher eine Perfektionistin, heute ruhiger und gelassener sei sie geworden. Sie ist dem Team unendlich dankbar, vertraut der Medizin und Pflege und glaubt doch ans Schicksal: „Es kommt, wie es kommt.” Sie blickt zu ihrem Mann, der Sila so liebevoll hält. Ihr Blick geht vorbei und trifft ihren Sohn. Sie lächelt.