Atemtherapie bei COVID-19

Wieder richtig atmen lernen

Wie wir mit Atemtherapie Lungenschäden durch COVID-19 minimieren

Menschen, die an COVID-19 erkrankt sind und im Krankenhaus behandelt werden mussten, leiden unter einer eingeschränkten Lungenfunktion. Besonders dann, wenn sie künstlich beatmet werden mussten. Bei ihnen ist die Atemmuskulatur geschwächt und muss rasch trainiert werden, um die funktionelle Erholung der Lunge zu fördern.

Fast jeder benötigt eine Therapie

Allein in der München Klinik Harlaching wurden bereits über 100 COVID-19 Patienten atemtherapeutisch betreut. Dabei sind nicht Alle ältere Hochrisikopatienten gewesen. Die Meisten sind allerdings gesundheitlich vorbelastet. Vorbelastungen sind häufig Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Erkrankungen der Lunge, aber auch dialysepflichtige Patienten.

„Wir hatten vom eigentlich fitten 30-jährigen bis zum 90-jährigen Risikopatienten die gesamte Altersspanne da. “
Jana Pahl, Physiotherapeutin an der München Klinik Harlaching

Bei einer COVID-19-Erkrankung kann es zu einem Befall der Lunge kommen, die sich in einer schweren Lungenentzündung äußert. Dabei können mehrere Lungenabschnitte betroffen sein. Diese Entzündungen führen dazu, dass nicht genügend Sauerstoff in die Lunge gelangt. Der Patient leidet unter Atemnot. Die Atemtherapie ist dann ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg zur Genesung. Sie muss früh ansetzen, damit keine funktionellen Störungen zurückbleiben bzw. der Patient seine verbliebene Lungenfunktion verbessern kann.

Mobilisation des Patienten

Die beste Atemtherapie ist die Mobilisation

Die minderbelüfteten Lungenabschnitte gilt es in der Atemtherapie wieder mit Sauerstoff zu versorgen und eine Verbesserung des Gasaustausches herzustellen, um Langzeitschäden zu verhindern. Die Mobilisation ist dabei die effektivste Methode.

Auf der normalen Isolierstation ist die aktive Mitarbeit der Patienten gefragt. Daneben gehört es auch zum Ziel der Atemtherapie, den trockenen Husten zu reduzieren und die Bewegungsfähigkeit der Atemmuskulatur zu fördern. In der abklingenden Phase der Lungenentzündung sind zusätzlich Maßnahmen zur Vergrößerung des Atemzugvolumens von großer Bedeutung.

„Die Dauer der Behandlung wird auf den Patienten abgestimmt und von seinem Allgemeinzustand abhängig gemacht“, erklärt die Physiotherapeutin.

Halbmondlage, Kutschersitz und Lippenbremse

Die verschiedenen Trainingsmethoden, die eingesetzt werden

Die Dehnlagerung

Durch die Dehnlagerungen werden verkürzte Muskeln länger und das Lungengewebe dehnfähiger. Hier können die Halbmondlage oder die Drehlage angewendet werden. Diese Übungen können im Bett durchgeführt werden.

Die Ausgangsstellung der Halbmondlage ist die Rückenlage. Sowohl der Oberkörper als auch die geschlossenen Beine werden zu einer Seite gebracht, sodass die Position nun einen Bogen in Halbmondform bildet.

Diese Lagerung sollte 5-15 Minuten lang eingenommen werden. Dann wird die Lagerung in entgegengesetzter Richtung fortgesetzt.

Die Halbmondlage.

Die Einatemtechniken

Das schnüffelnde Einatmen

Zu den Einatemtechniken zählt das „schnüffelnde Einatmen“, welches zur Kräftigung des Zwerchfells dient. Dabei atmet man schnüffelnd durch die Nase ein, indem man dreimal kräftig die Luft einzieht. Im Anschluss pustet man die Luft langsam und gleichmäßig wieder aus. Diese Übung kann intensiviert werden, indem man nur durch ein Nasenloch einatmet.

Der Nasengabelgriff

Der „Nasengabelgriff“ kontrolliert den Hustenreiz durch Veränderungen des Drucks während des Ein- und Ausatmens. Hierbei werden die Nasenflügel mit den Fingern leicht eingeengt. Kurzes Luftanhalten in der Einatemstellung für 2-3 Sekunden trägt zur Verbesserung der Luftverteilung in den Atemwegen bei.

Der Nasengabelgriff.

Atemerleichternde Ausgangsstellungen

Atemerleichternde Ausgangsstellungen sollen bei Belastung und Kurzatmigkeit eingenommen werden und durch Weitstellung des Brustkorbs eine Atemerleichterung verschaffen. Dafür bietet sich der Kutschersitz oder die Torwartstellung sehr gut an.

Der Kutschersitz

Der Kutschersitz wird aus der sitzenden Position ausgeführt. Dabei wird der Oberkörper weit nach vorne gebeugt und die Unterarme mit den Ellenbogen auf den Oberschenkeln oder einer Tischplatte abgestützt.

Die Torwartstellung

Bei der Torwartstellung sind die Beine schulterbreit auseinander. Die Hände werden kurz über den Knien auf den Oberschenkeln abgestützt. Der Oberkörper ist dabei nach vorne gebeugt.

Der Kutschersitz.

Die Rumpfmobilisation

Die Rumpfmobilisation kann in Form einer Brustkorbgymnastik erfolgen und dient zur Kräftigung der Atem- und der Brustmuskulatur.

Eine Übung ist das Aufrichten der Wirbelsäule. Man neigt sich aus der sitzenden Position weit nach vorne, dass der Rücken ganz rund wird. Verharrt dann für 2-3 Sekunden. Dann drehen sich die Arme nach Außen, man richtet sich auf und zieht die Schultern bewusst nach hinten unten.

Eine weitere Übung ist das Schwingen der Arme in Verbindung mit einer Drehung des Oberkörpers. Die Brustkorbgymnastik ist besonders bei älteren Patienten mit Rundrücken aber auch Patienten mit einer Trichterbrust oder Skoliose wichtig. Sie können durch die knöcherne Veränderung eine Einschränkung in der Atmung wahrnehmen.

Die Lippenbremse

Die Lippenbremse ist eine Ausatemtechnik, die die Atemwege erweitert. Die Ausatmung wird gebremst, die Bronchien weiten sich und können bei der nächsten Einatmung mehr Luft aufnehmen. Somit wird ein Kollaps der Atemwege verhindert.

Die Patienten atmen ruhig durch die Nase ein. Anschließend atmen sie durch den Mund wieder aus, dabei liegen die Lippen locker und unverkrampft aufeinander.

Der Atemtrainer

Atemtrainer sind in der abklingenden Phase der Lungenentzündung nützlich, um das Atemzugvolumen zu vergrößern. Allerdings kommt es durch die Übung zu einer zusätzlichen Aerosolbildung, daher müssen besondere Vorkehrungen getroffen werden, um eine Corona-Virus-Ausbreitung zu vermeiden bzw. zu reduzieren.

So sollte z.B. darauf geachtet werden, dass während der Übung neben dem Patienten nur der betreuende Physiotherapeut im Zimmer ist, und dieser entsprechende Schutzausrüstung trägt. Wenn der Patient den Atemtrainer selbstständig ohne Aufsicht benutzt, sollte er angewiesen werden, anschließend das Zimmer zu lüften.

Mehr als nur Atemtherapie

„Wir sind für unsere Patienten auch ein bisschen Seelsorge“, erzählt Pahl. Da die Patienten isoliert sind und zurzeit keinen Besuch empfangen dürfen, ist der Redebedarf während der Therapieeinheit besonders hoch. „Das ist nicht nur nachvollziehbar, sondern auch gut für die Lunge“, erzählt Pahl mit einem Lächeln.

„Gerade ältere Patienten, die keinen Kontakt zur Außenwelt mittels Smartphone haben, freuen sich über unseren Besuch. Denn neben der Atemtherapie können wir im Hinblick auf die Ängste der Patienten auch für etwas Aufmunterung und Abwechslung sorgen."

Kristina & Jana, unsere Physiotherapeutinnen der München Klinik Harlaching.

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