Logout
Wiederbelebung macht Schule

Lesen, rechnen, reanimieren

Reanimation kann jede und jeder - am besten, wenn man es in der Schule schon lernt.

Die Turnhalle der Waldorfschule Daglfing bebt. Nicht weil ein spannendes Spiel läuft, sondern weil gerade 100 Schülerinnen und Schüler reanimieren. Drücken. Beatmen. Schwitzen. Das Ziel: Alles geben, bis der Rettungswagen kommt. Auf dem Stundenplan steht heute: Wiederbelebungstraining. Anders als in Deutsch oder Mathe gilt in diesem Unterricht: „Du kannst nichts falsch machen. Nur wer nicht hilft, handelt garantiert falsch.“

Schulungsvideo: Laien-Reanimation

Irgendwie komisch fühlt sich dein Vater heute. Er ist blass und atmet schwer. Unvermittelt bricht er zusammen. Er reagiert nicht mehr, atmet nicht mehr. Kein Puls.

Was tust du?

Was nach einem fernen Szenario klingt, ist der wahrscheinlichste Fall. Die meisten Herzstillstände ereignen sich zu Hause. In unserem Laien-Reanimationstraining lernen Schülerinnen und Schüler deshalb, wie sie in so einem Notfall ein Leben retten können. Am Ende des Tages sind es über 300 junge Menschen der 7. bis 12. Jahrgangsstufe, die Dr. Findeisen und das Team von der internistischen Intensivstation in der München Klinik Harlaching in Wiederbelebung geschult haben.

„Ich will nicht, dass es nur die lernen, die es aktiv wollen. Alle brauchen das Wissen“, betont Dr. Findeisen. Und fasst damit zusammen, worum es geht: Jede und jeder sollte am Ende der Schulzeit lesen und rechnen, aber auch reanimieren können. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie dieses Wissen im Laufe ihres Lebens einmal anwenden müssen – dann sollen sie es parat haben und sich trauen.“ Denn das ist Fakt: Die Lebensqualität, ja das Leben der Betroffenen ist davon abhängig, dass Laien schnell und richtig reagieren.

Der Faktor heißt ZEIT

Es ist eine einfache Rechnung: Der Rettungsdienst braucht in Deutschland im Schnitt 8 Minuten, bis er vor Ort ist. Bei Herzstillstand muss innerhalb von 5 Minuten mit einer Herzdruckmassage begonnen werden, am besten aber sofort. Danach sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit massiv. Handeln Anwesende sofort und leisten Erste Hilfe, verdreifacht sich die Überlebenschance. D.h. nur wenige Minuten entscheiden darüber, ob und wie das Leben weitergeht.

Rund 100 Betroffene erreichen allein die München Klinik Harlaching jährlich per Notarztwagen und Hubschrauber. Nur ein Bruchteil überlebt. Auch eine Laien-Reanimation kann nicht jeden retten. Und doch, Dr. Findeisen wird nicht müde zu betonen „Die, die überleben, die vielleicht sogar ihr Leben ganz normal weiterleben können, die wurden durch Laien reanimiert, bis der Rettungswagen kam.“

Dass unsere Profis in die Schulen gehen, ist also nicht ganz uneigennützig: Je mehr Laien ganz selbstverständlich mit einer Wiederbelebung starten, desto mehr Menschen können wir zurück in ein normales Leben bringen.

„Das Training einmal jährlich führt dazu, dass Wiederbelebungsmaßnahmen als selbstverständlich begonnen werden und sich die Überlebenswahrscheinlichkeit mit gutem neurologischem Zustand verdreifacht.“

An 50 Puppen üben die Schüler*innen im Praxisteil die Reanimation.

Im Fokus: Drücken!

Reanimieren bis der Rettungsdienst kommt, aber wie?

„Prüfen. Rufen. Drücken. Es ist so einfach, dass es fast peinlich ist, es ständig zu wiederholen“, ruft Dr. Findeisen das Mantra durch die Turnhalle.

Dann geht er aber doch ins Detail. Er erklärt, dass die 112 in ganz Europa gilt und man nicht extra eine Orts- oder Landesvorwahl suchen muss. Und dass man beim Notruf unbedingt dranbleiben muss, bis die Rettungsleitstelle das Telefonat beendet. Er zeigt, wie man prüft, ob jemand wirklich bewusstlos ist, indem er sich selbst kräftig mit der Faust über die Brust fährt. Aua! Er demonstriert die Herzdruckmassage, gibt Tipps zur Körperhaltung – und natürlich auch zur Kür, der Beatmung. Denn irgendwann ist der Sauerstoff im Körper aufgebraucht. Dann sollte man auch beatmen. Und er betont, dass es bei Erster Hilfe kein Gendern gibt und auch ein Mann beherzt eine Frau reanimieren sollte. All dies saugen die jungen Menschen auf, bevor ihr Einsatz an den 50 Reanimations-Puppen folgt.

Diese wurde über Spenden an die München Klinik finanziert.

Leitformel bei Herzstillstand:

1.PRÜFEN

Keine Reaktion? Keine oder keine normale Atmung?

2.RUFEN

Rufen Sie 112 an. Erst auflegen, wenn der Rettungsdienst das Telefonat beendet.

3.DRÜCKEN

Min. 100 x pro Minute fest in der Mitte des Brustkorbs drücken. Nicht aufhören.

30:2

Trainierte Ersthelfer sollten zusätzlich die Mund-zu-Mund-Beatmung im Verhältnis von 30 Herzdruckmassagen zu zwei Beatmungen durchführen. Diese Maßnahmen verdoppeln bis verdreifachen die Chance, dass der Betroffene überlebt.

Nach der Action folgt geladene Spannung.

Wir alle kennen das Defibrillator-Symbol, aber wer traut sich, einen zu benutzen? Nach dem Training jede und jeder. Denn anschaulich wird gezeigt, wie das Gerät einen Schritt für Schritt an die Hand nimmt, um per Stromstoß das Herz nach Rhythmusstörungen wieder zum Schlagen zu bewegen. Das Funktionsprinzip ist einfach:

„Stellt euch ein Orchester vor. Viele Musiker und ein Dirigent, der den Rhythmus vorgibt. Alle spielen wunderbar zusammen, im besten Fall ein Leben lang. Wird der Dirigent aber ignoriert, wird es kritisch. Alle spielen zwar noch, aber nicht mehr zusammen. Der Dirigent ist der Sinusrhythmus. Das Szenario die Herzrhythmusstörung – der häufigste Grund für einen Herzstillstand. Durch das Kammerflimmern pumpt das Herz kein Blut mehr in den Körper."

An diesem Punkt setzt der Defibrillator an. Er ist wie ein lautes Klatschen in einem unruhigen Raum: alles hält kurz inne. Im besten Fall führt dieses „Innehalten" dazu, dass alle wieder gemeinsam anfangen, im Rhythmus zu „spielen". Das Herz pumpt wieder Blut.

Das Beste am Defibrillator: Er spricht und sagt ganz genau, was der nächste Schritt ist. Die Quintessenz:

„Wenn einer da ist, dann nutzt ihn! Selbst Kinder können das.“

Herzstillstand in Zahlen

>70.000Menschen/Jahr

In Deutschland erleiden jährlich über 70.000 Menschen einen Herzstillstand.

1/10Überlebende

Nur jede*r Zehnte überlebt einen Herzstillstand. Gamechanger: Laien-Wiederbelebung.

5Minuten

Wird nicht in 5 Minuten mit der Herzdruckmassage begonnen, sinkt die Überlebenschance massiv.

„Wir sind auf die Laien angewiesen!“

Die Ausbildung in Laienreanimation der Schülerinnen und Schüler in Stadt und Landkreis München ist eine Herzensangelegenheit unserer Profis der Intensivstationen. Als spezialisierte und zertifizierte „Cardiac Arrest Center“ werden die beiden Kliniken in Harlaching und Bogenhausen bei Herzstillstand präferiert vom Rettungsdienst angefahren. Dort erleben wir leider regelmäßig, was es bedeutet, wenn Menschen mit einem akuten Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb des Krankenhauses nicht rechtzeitig reanimiert werden. „Den restlichen Körper können wir oft retten, aber das Gehirn im Kopf, ist unwiederbringlich zerstört nach wenigen Minuten“, bringt es Dr. Findeisen auf den Punkt.

Am Ende sind die Schüler*innen platt. Und hoch motiviert. Diese Lust aufs Helfen gilt es in der Folge mitzunehmen. Denn: Unser Wiederbelebungstraining ist nur der Auftakt. Wir übergeben an die Schule, die das Training dann von Jahrgangsstufe 7 ab regelmäßig anbieten wird. Die Schülerausbildung ist eine der effektivsten, einfachsten und anhaltendsten Methoden, um die Reanimationsquote durch Laien zu steigern. Aber nur, wenn man sie jährlich wiederholt, wie die Initiative der Deutschen Anästhesie in Kooperation zusammen mit dem German Resuscitation Council (GRC) empfiehlt. So verinnerlichen die jungen Menschen jeden Schritt – wie in Deutsch oder Mathe. Nur einfacher.

„World Restart a Heart“ – Day
Mehr Menschen zur Laienreanimation zu bewegen, ist das Motto des 16. Oktobers. In Deutschland wir zudem die Woche der Wiederbelebung im September begangen.

Weitere Informationen zu Herzstillstand und Reanimation