An der Front

Weil jedes Leben zählt

Weil jedes Leben zählt, begab sich die Bogenhausener Ärztin Monika Ried selbst in Lebensgefahr. Neun Monate lang war sie im Jemen. Gleich hinter der Front, unter lebensgefährlichen Bedingungen, im Einsatz für Ärzte ohne Grenzen. Die Geschichte einer starken und mutigen Frau.

Eigentlich wollte sie lieber nach Afrika

Für ihren ersten Einsatz bei Ärzte ohne Grenzen hatte sie sich ein Land in Afrika gewünscht, einen Kontinent, den sie kennt. Eher kein Kriegsgebiet im Mittleren Osten. Sie hätte natürlich ablehnen können, als die Anfrage kam, in den Jemen zu gehen. Aber schlussendlich entschied sie sich, dorthin zu gehen, wo der Bedarf groß war.

Sie reiste in die Stadt Kilo nahe der südlichen Front. Im Süden des Jemen kämpfen vor allem Truppen der Regierung und Huthi-Kämpfer gegeneinander, beide in wechselnden Konstellationen mit ausländischen Unterstützern.

Vor Ort sollte Monika Ried ein Team von zwölf einheimischen angehenden Ärztinnen und Ärzten leiten und auch selbst Patienten versorgen. Ein Kollege führte sie durchs Krankenhaus in Kilo mit seinen 120 Betten und stellte sie dem Team vor.

Die Stadt Kilo

Die Stadt Kilo mit dem Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen.

Happy Shootings oder echte Kämpfe?

Ärzte ohne Grenzen bereitet die Mediziner und Pfleger intensiv vor. Es gibt Workshops, jede Menge Sicherheitsbriefings und erfahrene Kollegen, die den Neuen von ihren Erlebnissen erzählen. Zum Beispiel ist es hilfreich, verschiedene Arten von Schüssen akustisch voneinander unterscheiden zu können. Kommen sie aus unterschiedlichen Richtungen und kurz hintereinander? Dann handelt es sich wohl um Kampfhandlungen.

Die klingen anders als sogenannte Happy Shootings. So heißen Schüsse in die Luft aufgrund eines frohen Ereignisses, etwa einer Hochzeit oder einer Geburt. Wenn die Projektile wieder vom Himmel herabfallen, können sie Menschen treffen, weshalb man sich währenddessen und danach nicht im Freien aufhalten sollte. Zur Vorbereitung hat Ried an Rollenspielen teilgenommen, sie hat geübt, wie sie sich bei einer Entführung verhalten soll.

„Ich fand das gut, empfand es aber nicht als realistisch. Letzten Endes konnte ich mir danach immer noch nicht richtig vorstellen, wie es werden würde.“

Bewafnnete Männer

Waffen, vom Säbel bis zum Maschinengewehr, sind im Jemen überall gegenwärtig.

Zu viel Aberglaube im Alltag

Schusswunden musste Monika Ried beinahe täglich versorgen. Gewalt mit Gewalt zu vergelten, sei schon vor dem Krieg verbreitet gewesen, erzählt Ried, doch die Hemmschwelle sei weiter gesunken. „Wir hatten mehrmals Patienten, die zum Beispiel sagten: Ich muss jetzt nach Hause, um den Mann zu erschießen, der gestern meinen Cousin erschossen hat.“

Andere Verletzungen entstehen aufgrund von Aberglauben. Einmal ist Monika Ried deshalb doch richtig wütend geworden: Da kam ein drei Tage altes Mädchen mit Verbrennungen im Mund. Die Mutter erzählte, ihr Milcheinschuss sei ausgeblieben. Da habe ihr eine Heilfrau aus dem Dorf geraten, dem Kind den Mund mit heißem Wasser auszuspülen.

Am selben Tag wurde ein weiteres Kind, vier Wochen alt, mit Atemwegsinfekt hereingetragen. Es stellte sich heraus, dass ihm die Mutter Öl in den Mund getropft habe, das in die Lunge gelaufen war.

Jemenitische Mutter mit ihrer Tochter

Oft kommt es aufgrund von Aberglaube zu schweren Verletzungen bei Kindern.

Tod durch Tetanus weit verbreitet

Ein Kind, das im 21. Jahrhundert an Tetanus stirbt, an einer Krankheit, gegen die es seit Ende des 19. Jahrhunderts eine Impfung gibt – das ist ein grundlegendes Versagen. Eines, gegen das sich Monika Ried gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen stemmte. Noch immer gibt es im Jemen den Brauch, die Nabelwunde von Neugeborenen mit Erde zu bedecken – das soll Stärke und Heilkräfte verleihen.

„Wenn in der Erde halt keine Tetanus-Sporen drin wären“, sagt Monika Ried lakonisch. Wer darauf wartet, dass sie sich über Aberglauben und Ignoranz echauffiert, kann lange warten. Sie beschreibt die Dinge, wie sie eben sind.

Statt sechs blieb sie neun Monate

In Kilo sah die Alltagsroutine so aus: aufstehen kurz vor sechs Uhr, kurzes Frühstück, mit dem Auto in die Klinik, Frühbesprechung mit den Kollegen, dann Sicherheitsbesprechung: Was ist nachts passiert, wie hat die Front sich verlagert, wo hat es Bombenangriffe gegeben? Abends war sie froh, wieder im Gästehaus in der Nähe des Krankenhauses zu sein. Nach draußen durfte Monika Ried nicht ohne Weiteres, also beugte sie dem Lagerkoller drinnen vor: schwitzte im kleinen Fitnessstudio, fand Ruhe auf der Dachterrasse, las Bücher, plauderte im Speisesaal mit den Kolleginnen und Kollegen.

„Nach sechs Monaten sollte mein Einsatz beendet sein, aber nach fünf Monaten hatte ich das Gefühl: Ich bin hier noch nicht fertig.“ Sie wollte den Kolleginnen und Kollegen noch den Einsatz von Ultraschall sowie Wiederbelebungsmaßnahmen beibringen. „Die Zusammenarbeit war super. Wir haben sehr viel und sachlich diskutiert. Die Leute waren aufgeschlossen, motiviert.“

Imam Ameen Ahmed, ein jemenitischer Arzt, schwärmt noch heute von der Zusammenarbeit: „Monika war mehr Betreuerin als Chefin. Sie hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“

Monika Ried mit ihrem Team

Monika Ried mit ihrem Team.

Glücklich über heile Heimkehr

Ihr Arbeitgeber, die München Klinik, stellte sie nur schweren Herzens frei. „Ich stand zu hundert Prozent nicht dahinter“, sagt ihr Oberarzt Dr. Markus Engel. „Ich habe sie mehrfach davor gewarnt, sich in Lebensgefahr zu begeben.“ Und doch schrieb er ihr eine Referenz für Ärzte ohne Grenzen.

„Dass sie die medizinischen Kenntnisse mitbringt, war ja klar. Ich konnte ihr das nicht verwehren.“ Im Nachhinein ist Engel „einfach nur froh, dass sie lebendig heimgekommen ist“. Und findet es gut, dass sie ihre Erfahrungen weitergibt.

Und heute, zurück im Alltag in Deutschland?

Gegenüber den Patienten sei sie seitdem vielleicht gelassener geworden. Wenn sich jemand beschwert, dass es sonntags keine Brezen gibt, dann könne sie das besser an sich vorbeiziehen lassen. „Besonnenheit, Ruhe, Respekt und Pragmatismus, das habe ich gelernt, hoffe ich. Das brauchen wir auch hier gerade, in Zeiten von Covid-19.“

Die ganze Zeit über saß ihr die Frage nach dem Sinn im Nacken: Ist meine Arbeit hier nachhaltig? Was richten wir aus angesichts des Krieges und der Gewalt? „Meine Antwort ist: Ich weiß es nicht.“ Warum tat sie sich das dann an? „Hier in Deutschland lebe ich total privilegiert. Ich konnte lernen, Medizin studieren, lebe ein freies Leben. Das ist nicht allein mein Verdienst. Ich wollte davon etwas zurückgeben.“

Über Ärzte ohne Grenzen

Ärzte ohne Grenzen ist eine private Hilfsorganisation, die medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten leistet. Sie ist die größte unabhängige Organisation für medizinische Nothilfe. Jährlich sind für Projekte der Organisation etwa 3000 Ärzte, Psychologen, Pflegekräfte, Hebammen und Logistiker im Einsatz.

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